Ich habe auf der Seite bereits ein paar Stichpunkte aufgeführt und erläutert, was Kenpo ist und was nicht. Aber ich wollte mich ja auch noch weiter den typischen Beschreibungen dazu widmen und diese besser erklären. Los geht´s!

Häufig liest man die folgende Definition als Einleitung, was denn nun Kenpo überhaupt ist oder was es so besonders macht:

Kenpo ist ein Spiel aus Aktion und Reaktion. Jede Bewegung löst eine bestimmte Reaktion bei dem Gegner aus, diese Reaktion löst die eigene nächste Bewegung aus. Es ist ein Zusammenspiel von zirkularen und linearen Bewegungen. So kann jede Abwehr ein Schlag und jeder Schlag eine Abwehr sein.

Meiner Meinung nach kann gerade ein Laie, der sich noch gar nicht mit Kampfsport oder Kampfkunst auseinandergesetzt hat, damit relativ wenig anfangen. Dabei ist diese Definition durchaus zutreffend und wenn man sich mit den Selbstverteidigungstechniken beschäftigt, wird man das auch schnell erkennen. Aber darauf werde ich in einem anderen Beitrag näher eingehen.

Ich persönlich bevorzuge inzwischen die folgende Erklärung:

Kenpo ist eine Selbstverteidigung, basierend auf Regeln und Prinzipien (der Bewegung)

Ok, zugegeben, auch damit kann man erstmal nichts anfangen. Aber aus den folgenden Gründen ist diese kurze Beschreibung für mich besonders zutreffend und wichtig geworden:

  • Wir nutzen die Regeln und Prinzipien, um zu erklären, WARUM wir bestimmte Dinge machen (oder auch nicht)
  • Die Regeln und Prinzipien sind ein Grund, warum es so viele unterschiedliche Techniken gibt – und warum das Trainieren von Formen in unserem System Sinn macht
  • Wenn man die Regeln und Prinzipien kennt, wird man bei der Ausführung der Selbstverteidigungstechniken auf bestimmte Dinge achten und besser werden, als wenn man nur einen Bewegungsablauf einstudiert
  • Die Regeln und Prinzipien können in der freien Selbstverteidigung angewendet werden und ermöglichen die Anpassung des Erlernten an eigenen Voraussetzungen und Vorlieben, ohne dabei an Effizienz zu verlieren

Alles zusammengenommen sagt das viel darüber aus, was Kenpo so besonders macht und warum wir es auf eine bestimmte Art und Weise unterrichten.

Was sind denn nun Regeln und Prinzipien?

Regeln sind für unserer Sicherheit da!
Wenn man die Regeln kennt, versteht und beachtet und in der Lage ist sie entsprechend umzusetzen, kann man sich in einer körperlichen Auseinandersetzung schützen und zur Wehr setzen, unabhängig von einem einstudierten Ablauf oder einer Technikfolge.

Prinzipien machen unsere Selbstverteidigung effektiver!
Sie erklären Konzepte oder tragen zu einem besseren Verständnis beit, indem eine eindeutige und einheitliche Terminologie verwendet wird. Für Ed Parker sind die Prinzipien feste Grundsätze, eine Theorie, die bewiesen wurde und damit nicht ohne guten Grund ignoriert werden sollten.

Gerade wenn es um die Anpassung der Techniken aus dem Prüfungsprogramm geht, sagen wir darum gerne: Du kannst alles ändern, was du willst – solange du dich an die Regeln und Prinzipien hältst!

Regel Nummer 1: Baue deine Basis auf

Darunter verstehen wir, unseren Körper in einer stabilen Struktur zu positionieren, damit wir unsere körpereigenen Waffen unter Einsatz der verschiedenen Kraftprinzipien möglichst effektiv einsetzen können, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Ohne eine stabile Basis können wir uns nicht verteidigen!

Auch wenn es nicht so aufgeschrieben ist – die Regel geht noch weiter:

Baue deine Basis auf – und breche die Basis des Gegners

Gelingt es uns gleichzeitig, den Gegner zu destabilisieren wird es für ihn umso schwieriger, einen geplanten Angriff auszuführen oder unsere Aktionen zu verhindern.

Das ist die wichtigste Regel und unser erstes Ziel – in eine starke Position kommen und es dem Angreifer so unbequem wie möglich machen. Für alle weiteren Regeln gibt es keine festgelegte Reihenfolge! Die körperliche Auseinandersetzung – unser Gegner – zwingt uns durch seine Aktionen im Rahmen der Regeln zu reagieren und die erlernten Prinzipien anzuwenden.

Hier ein paar weitere der universell formulierten Regeln:

  • Innerhalb-Regel (Inside Rule)
    „Innerhalb der Arme“ zu stehen ist die gefährlichste Position, weil der Angreifer alle seine natürlichen Waffen einsetzen kann. Deshalb ist es unser erstes Ziel “die Höhe zu brechen”. Indem der Kehlkopf, der Solarplexus oder der Unterleib angegriffen wird eliminieren wir mit einer Aktion alle verfügbaren Waffen und damit das Risiko.
  • Block-Regel (Blocking Rule)
    Wenn wir von der Innenseite blocken, blocken wir unterhalb des Ellenbogens, damit der Gegner nicht den Arm anwinkeln und uns ggf. mit einem Schwinger treffen kann
    Wenn wir von der Außenseite blocken, blocken wir oberhalb des Ellenbogens, damit der Gegner nicht den Arm anwinkeln und seinen Ellenbogen als Waffe gegen uns einsetzen kann
  • Tritt-Regel (Kicking Rule)
    Werden wir mit einem Tritt angegriffen, müssen wir unseren ersten Treffer ins Ziel bringen, bevor der Gegner den Fuß abgesetzt hat. So verhindern wir, dass der Angreifer eine Basis erlangt um weitere Aktionen zu starten.

Bei den Prinzipien möchte ich hier nur ein paar Beispiele nennen:

Kraft-Prinzipien

Diese zu kennen und zu beachten hilft dabei, auch bei körperlicher Unterlegenheit maximalen Effekt bei den eigenen Aktionen zu erzielen.

Die drei Haupt-Kraftprinzipien, die einzeln oder in Kombination angewendet werden, sind:

  • Drehmoment (Torque)
    “Drehen und Wenden”, um Körper und Muskeln für die bestmögliche Effizienz zu positionieren. Sowohl bei kleinen Bewegungen als auch bei einzelnen Schlägen oder Blocks wird die Wirkung durch Rotation des Körpers, der Hände, Unterarme usw. verstärkt.
  • Unterstützungs-Masse (Backup Mass)
    Das Körpergewicht wird eingesetzt und in der gleichen Richtung bewegt, um die Wirkung eigener Aktionen zu unterstützen, am deutlichsten bei horizontaler Bewegung.
  • Vereinigung mit der Schwerkraft (Marriage with Gravity)
    Der Einsatz der natürlichen Waffen bei vertikaler Bewegung wird durch das Absenken bzw. Fallenlassen des Körpers verstärkt.

Bewegungsökonomie (Economy of Motion)

Die Wirtschaftlichkeit der Bewegungen ist ein Schlüsselprinzip im Kenpo und bedeutet alle unnötigen Bewegungen zu vermeiden werden. Jede überflüssige Bewegung benötigt Zeit und Zeit ist das, was wir nicht haben, wenn wir uns verteidigen müssen und dem Gegner keine Chance lassen wollen, selbst wieder aktiv zu werden. Viele weitere Prinzipien tragen dazu bei, die Bewegungsökonomie zu unterstützen, hier nur eine kleine Auswahl für das kommende Beispiel:

  • Spann- und Ladeprinzip (Cock and Load Principle)
    Niemals eine separate Bewegung nutzen, um eine Waffe in Position zu bringen
  • Steh dir niemals selbst im Weg (Never stand in your own way)
    Darauf achten, dass immer der Weg von der Waffe zum Ziel frei ist und wir uns nicht selbst blockieren (vor allem, um Tritte ausführen zu können)
  • Wenn der Fuß steht, steht auch die Hand (When the foot stops the hand stops)
    Wenn der Fuß noch in der Luft ist (z.B. nach einem Tritt) können wir nicht effektiv schlagen, daher wird der folgende Schlag meistens mit dem Absetzen des Fußes koordiniert

Delayed Sword

Schon die erste Technik in unserem Gelbgurt-Programm ist ein perfektes Beispiel, wie Kenpo funktioniert, wie wir „denken“und viele der gerade genannten Regeln und Prinzipien angewendet werden. Mit einem neuen Schüler oder Interessenten übe ich die vier grundlegenden Bewegungen, die wir dort benötigen: den Neutralen Bogen als „Kampfstellung“, einen gehämmerten Block nach innen, einen geraden Tritt mit dem vorderen Bein und einen Handkantenschlang nach außen.

Der Angriff ist traditionell ein Griff mit der rechten Hand an das Revers (linker Kragen). Das Problem dabei? Die freie linke Hand, mit der vermutlich eine Ohrfeige oder ein Schlag ins Gesicht folgen wird!

  • Mit unserer linken Hand „pinnen“ wir die Hand des Gegners am Kragen und machen mit links einen Schritt zurück in den Neutralen Bogen. Dabei ziehen wir den Gegner aktiv mit und achten darauf, die Füße nicht auf einer Linie zu setzen, damit wir uns nicht selbst im Weg stehen für die Folgeaktionen.
    • wir haben unsere Basis geschaffen.
    • der Gegner wird nach vorne gezogen, dadurch ist mehr Gewicht auf dem vorderen Bein (Basis des Gegners gebrochen)
    • der linke Arm, der hätte schlagen können, ist weiter hinten und wir haben die Distanz vergrößert.
  • Gleichzeitig machen wir einen rechten Block nach innen (und unten) gegen den rechten Arm des Angreifers, unterhalb des Ellenbogens (Block-Regel)
    • durch die Drehung des Oberkörpers mit dem Schritt (Basis + Drehung) erreichen wir das nötige Drehmoment für den Block
    • idealerweise treffen wir den Radialnerv und verstärken dadurch die Wirkung des Treffers
  • Mit dem vorderen rechten Fuß treten wir sofort in den Unterleib, um die Höhe zu brechen und die Waffen des Gegners aus dem Spiel zu nehmen (Anwendung der Innerhalb-Regel)
    • Die natürliche Reaktion wird sein, dass der Angreifer sich nach vorne beugt, beide Hände in den Schritt nimmt und ein wenig nach hinten „stolpert“
  • Wir setzen den Fuß vorne ab, direkt neben dem Fuß des Angreifers mit Kontakt zum Bein und schlagen in dem Moment mit der rechten Hand aus der Position des Blocks heraus eine Handkante zur Halsschlagader/Halswendemuskel des Gegners
    • durch das gezielte Absetzen des Fußes verhindern wir einen absichtlichen oder unabsichtlichen Tritt des Gegners.
    • ohne auszuholen schlagen wir direkt vom Ursprungspunkt (keine überflüssigen Bewegungen).
    • durch die Rotation der Hand verstärken wir die Wirkung (Drehmoment), dazu kommt noch, dass wir die Gegenbewegung des Oberkörpers nach dem Tritt ausnutzen.

Mit diesen drei koordinierten Bewegungen schützen wir uns vor dem Angriff, verhindern weitere Aktionen des Gegners und setzen ihn außer Gefecht. Die Technik kann genauso gegen einen geraden Schlag mit rechts oder einen Schubser eingesetzt werden.

Jede neue Technik zeigt neue Möglichkeiten, die Regeln und Prinzipien einzusetzen und alle unsere natürlichen Waffen zu benutzen, um mit unterschiedlichsten Angriffen umzugehen. Es sind Beispiele und keine Abfolgen, die zwingend genauso „abgearbeitet“ werden müssen.

Damit die Techniken funktionieren brauchen wir realistische Angriffe (Distanz…) und eine realistische Reaktion auf den Schmerz, der normalerweise einsetzen würde, wenn wir die empfindlichen Ziele hart treffen würden. Deshalb trainieren wir mit kontrolliertem Kontakt.

Neugierig geworden? Dann nimm Kontakt zu einer Kenpo Schule in der Umgebung auf und besuche ein Probetraining oder frage ein Seminar an.

Make it work!
Andreas

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